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Die Schneekönigin

28 Feb

– eigentlich keine Göttinnengeschichte, aber irgendwie doch?

Wohl die meisten von uns kennen das Märchen von Hans-Christian Andersen von der Schneekönigin, die den kleinen Kay einfängt und zu sich nach Lappland holt. Schwierige Wege muss die kleine Gerda zurücklegen, um ihn wiederzufinden und nachhause zu holen. Nur Gerdas Liebe führt dazu, dass sein Herz schmilzt und ihm der Splitter aus dem Auge gespült wird, so dass er schlussendlich das Eisspiel des Verstandes gewinnt und auf einmal vermag, das langgesuchte Lösungswort „Ewigkeit“ mit den Spielsteinen zu schreiben, die ihm die Schneekönigin gab. Die Schneekönigin hatte gesagt: „Kannst du diese Figur ausfindig machen, dann sollst du dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“

Obwohl es ein sogenanntes „Kunstmärchen“ ist und damit wohl kein Vorbild in der Volkserzählung hat, gibt es interessante Aspekte für die Göttinnenforschung finde ich…

Spannend an der Geschichte ist zum Beispiel, dass es lauter Paare gibt, die sich ergänzen:

Der kleine Kay und die kleine Gerda – er ist ein „echter“ Junge, ab dem Zeitpunkt, zu dem ihn der Eissplitter ins Herz trifft. Hier lautet das Spiel: Mädchen sind doof, Jungs intelligent. Kay ist garstig, um sich als echter Kerl zu zeigen, er sitzt dafür einsam im kalten Eispalast und vergisst sein ehemals warmes Herz. Gerda dagegen ist lieb zu allen Wesen, die sie trifft; diese helfen ihr dafür weiter. Naja, das hört sich jetzt nach den üblichen Klischees über Männer und Frauen an, oder?

Dabei bleibt es aber nicht: Gerdas Reise lässt sie viele bisher unbekannte Seiten an sich entdecken. Sie wird erst einmal von einer lieben alten Frau eingefangen und verliert – wie Kay bei der Schneekönigin – ihr Gedächtnis. Erst als sie entdeckt, dass die Rose in ihrem Leben fehlt, findet sie ihr Gedächtnis wieder. Wofür steht die Rose? Von altersher eben nicht nur für Reinheit, sondern vor allem für die Göttin Venus und damit auch für Sexualität.

Sodann muss Gerda eine Nacht mit dem Räubermädchen verbringen und fürchtet sich sehr, weil das Räubermädchen nicht nur ziemlich schmutzig ist, sondern ihr auch noch dauernd mit einem langen Messer vor der Nase herumfuchtelt und kühne Sprüche klopft. Nicht sehr göttinnenhaft? Irrtum. Denkt mal an Baubo. Dass Erdgöttinnen, die im Schlamm herummantschen, dabei immer perlweiße Gewänder tragen, hab ich noch nie geglaubt. Was ist der Lohn für die Auseinandersetzung mit den Schatten? Am nächsten Morgen, als Gerda ihre Mutprobe bestanden hat, hilft ihr das Räubermädchen weiter und trickst für sie sogar die eigene Mutter aus.

Die wilde Krähe und ihre gezähmte Geliebte, die am Königshof lebt, arbeiten zusammen, um Gerda zu helfen. Gerda versteht es also nicht nur, in der Natur zu überleben, sondern sie kommt auch in der komplizierten höfischen Gesellschaft klar.

Sogar zur eigentlich ja einzigartigen Schneekönigin gibt es auf den zweiten Blick in der Geschichte Antipoden – zunächst natürlich die alte Großmutter von Kay. Diese ist aber machtlos gegenüber der Schneekönigin – oder lässt sie nur zu, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen, um erwachsen zu werden?

Hilfreich ist dagegen die junge schöne Prinzessin, bei der Gerda im Laufe der Geschichte landet. Diese Prinzessin hat sich – wie die Schneekönigin Kay – einen klugen Mann erwählt. Gut gefällt mir die Stellenbeschreibung von Andersen: „sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstehe, wenn man mit ihm spräche; einen, der nicht bloß dastände und vornehm aussähe, denn das sei zu langweilig“. Die Prinzessin wählt unter all den Bewerbern den aus, der nicht gekommen war zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu hören; und die fand er gut, und sie fand ihn wieder gut“. Anders als Kay bei seiner Schneekönigin hat dieser Mann sein Herz bei der Hochzeit also behalten und er fürchtet sich nicht vor seiner Frau. Ihre Gleichberechtigung zeigt sich daran, dass sie nebeneinander in gleich schönen, aber unterschiedlich farbigen Betten schlafen; die Prinzessin im weißen Bett, der Prinz im roten. Jeder darf also auch nach der Hochzeit so unterschiedlich bleiben wie er ist.

Interessant an der Farbwahl finde ich, dass wir ja wissen, dass die junge Göttin in weiß geht, die reife fruchtbare Göttin dagegen ein rotes Kleid trägt und dass beide Facetten der großen dreifachen Göttin sind. Während Kay zunächst also seinen Verstand als einzige Geliebte erkürt und daran fast erfriert, integrieren Prinz und Prinzessin ihre Seiten und werden so gemeinsam erwachsen und glücklich. Vielleicht ist die schwarze wilde Krähe (die in der Geschichte später dann auch noch stirbt), das Überbleibsel der dritten Göttin, der schwarzen weisen Alten. Möglicherweise ist aber auch die Schneekönigin, die Kay prüft und gar nicht lieb ist, eigentlich – trotz ihrer weißen Farbe – diejenige, welche die Rolle der weisen Alten übernimmt.

Schließlich kann Kay das Rätsel der Schneekönigin lösen, nachdem er entdeckt hat, dass er Gerda liebt und dass sie zusammengehören. „Ewigkeit“ winkt demjenigen, der alle seine Seiten integriert hat. „Kannst du diese Figur ausfindig machen, dann sollst du dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Das ist doch das Paradies, oder?

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